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STECKBRIEF

Wissenschaftlicher Name: Microtus arvalis
Deutscher Name:
Feldmaus
Englischer Name: Vole, Meadow mouse
Ordnung: Rodentia
Familie: Cricetidae
Unterfamilie: Arvicolinae
Vorkommen:
Dänemark, Nord-Spanien bis Ural, Orkney-Inseln
Größe:
8-12 cm Körperlänge, 3 cm Schwanzlänge
Gewicht: 18 bis 40 g
Geschlechtsreife: ab 13. Tag
Tragzeit: 19-21 Tage
Durchschnittliche Wurfgröße: 6-7 Junge
Sozialverhalten:
Solitär bzw. bei hoher Populationsdichte sozial
Aktivitätsphasen: Tag- und nachtaktiv
Besonderheiten: Siehe Geschlechtsreife
Anspruch: Niedrig

ALLGEMEINES

Die Feldmaus (Microtus arvalis) gehört zusammen mit der Erd- (Microtus agrestis) und Rötelmaus (Myodes glareolus) zu den häufigsten Wühlmausarten (Arvicolinae) Deutschlands. Sie bewohnt weite Teile Europa und Asiens, wobei eine Südverschiebung erkennbar ist, gegenläufig dazu die nah verwandte Erdmaus, deren Verbreitungsgebiet eine Nordverschiebung zeigt. Dies ist wahrscheinlich mit den Temperaturoptima dieser beiden Wühlmausarten erklärbar, denn das der Feldmaus liegt um einige Grad höher als das der Erdmaus, sie hat mit 35°C sogar das höchste Temperaturoptimum aller einheimischen Wühlmausarten. In Teilen Skandinaviens sowie auf den britischen Inseln fehlt die Feldmaus. Eine Ausnahme bilden hierbei die bei Schottland gelegenen Orkney-Inseln, die von einer etwas größeren Unterart, der Orkney-Feldmaus (Microtus arvalis orcadensis) bewohnt werden, welche auch häufiger als Heimtier gehalten wird und ein niedrigeres Temperaturoptimum aufweist als unsere einheimische Feldmaus.
Unsere drei häufigsten einheimischen Wühlmäuse sind sowohl tag- als auch nachtaktiv, wobei bei Feldmäusen im Sommer die Nacht- im Winter die Tagaktivität überwiegt.

Lebensraum

Das primäre Biotop der Feldmäuse setzt sich zusammen aus Trockenwiesen, Steppenheiden, Brachland, Böschungen usw. In offenen Kulturlandschaften, wie Äckern und Nutzwiesen, sind sie ebenfalls häufig anzutreffen. Auf diesen Flächen sind die Individuenanzahlen starken Schwankungen unterlegen, immer wieder kommt es zu regelrechten Bevölkerungsexplosionen, auf die ein Massensterben folgt. Diese sekundären vom Menschen geprägten Biotope können also nicht als idealer Lebensraum der Feldmäuse angesehen werden. In Wäldern fehlen sie meist völlig, stattdessen werden diese hauptsächlich von Erd- und Rötelmäusen bewohnt.

Die Größe der Aktionsräume der Feldmäuse ist geschlechtsspezifisch, so haben Männchen einen durchschnittlichen Aktionsraum von 1200-1500m², dagegen Weibchen von 300-400 m². Innerhalb dieses Gebietes sind die Feldmäuse sehr mobil und suchen darin nach Nahrung und Geschlechtspartnern. Das Territorium, also das Gebiet, das gegen Artgenossen verteidigt wird, befindet sich innerhalb der Grenzen des Aktionsraumes und ist mit diesem häufig deckungsgleich, allerdings bilden nur Weibchen Territorien aus. Männchen bleiben ohne Territorien und beachten auch nicht deren Grenzen. Während der Fortpflanzungsperioden wandern Männchen von Territorium zu Territorium auf der Suche nach brünstigen Weibchen. Die Weibchen bleiben ihrem Territorium sehr treu, meist wird es nur verlassen, wenn Nahrungsknappheit oder Überbevölkerung herrscht.
Unterirdisch legen Feldmäuse weit verzweigte Gänge an, die aus Schlafhöhlen, Vorratskammern und mehrere Ausgängen bestehen. Die Baue der Männchen sind häufig einfacher aufgebaut als die der Weibchen. Oberirdisch kann man gut die „Mäusestraßen“ der Feldmäuse erkennen, ausgetretene Pfade, auf denen sich die Wühlmäuse sicher bewegen und die zur Nahrungssuche häufig nur in einem geringen Umkreis verlassen werden.

Das Sozialverhalten und zyklisch auftretende übernormale Populationsdichten

Feldmäuse sind bei normaler Populationsdichte solitäre Tiere. Die Weibchen leben für gewöhnlich nur mit ihren Jungen zusammen in einem Nest, die bald nach Erreichen der Geschlechtsreife (die bei Weibchen extrem früh einsetzt, mehr darüber siehe Zucht) aus dem Territorium der Mutter vertrieben werden. Männchen leben weitestgehend immer solitär, allerdings kann es vorkommen, dass sie nach der Begattung eine Zeit lang im Nest des Weibchens geduldet werden, teilweise beteiligen sie sich dann sogar an der Jungenpflege. Nahezu alle in der Wildnis gefangenen Männchen weisen Kampfverletzungen auf. Weibchen reagieren zwar auch aggressiv auf Artgenossen, bei Eindringen in das Territorium ergreift das fremde Tier aber meist schnell die Flucht, so dass es selten zu ernsthaften Verletzungen kommt. Eine Beiß- und Tötungshemmung zeigen allerdings weder Männchen noch Weibchen. Bei mangelnder Fluchtmöglichkeit, wie im Terrarium kommt es so schnell zum Tod des unterlegenen Tieres. Während ihrer Brünstigkeit dulden Weibchen die Anwesenheit der Männchen.

Bei günstigen Umweltbedingungen und Nahrungsüberfluss, der oft auf kultivierten Agrarflächen zu finden ist, kommt es periodisch zu einer übernormalen Populationsdichtenzunahme, durchschnittlich in Abständen von 3 Jahren. In naturbelassenen Biotopen kommt es in der Regel nicht zu solchen Massenvermehrungen. Bei Feldmäusen kommt es nicht, wie bei vielen anderen Kleinsäugerarten, zu einem Vermehrungsstopp, wenn eine gewisse Individuendichte überschritten wird, sondern zu einer Änderung des Sozialverhaltens. Durch diese Strategie wird die bekannte Massenvermehrung der Feldmäuse ermöglicht, allerdings kommt es bei ihnen nicht wie bei den skandinavischen Lemmingen zu Massenabwanderungen. Bei Überschreiten der kritischen Dichte verbleiben die weiblichen Nachkommen im Bau der Mutter und bilden so eine immer größer werdende Familienkolonie, da nicht nur das dominante Weibchen, sondern alle weiblichen Tiere Nachwuchs bekommen. Die Jungen werden in einem gemeinsamen Wurfnest zur Welt gebracht, wo sie von allen Weibchen versorgt werden. Wahrscheinlich können die einzelnen Tiere ihre eigenen Jungen nicht von denen der anderen unterscheiden. Durch das gemeinsame Aufziehen der Jungen kommt es zu weniger Ausfällen, da die Jungtiere nicht nur von ihrer eigenen Mutter gesäugt werden, die schnell Opfer von Beutegreifern werden kann, sondern von allen laktierenden Weibchen der Familienkolonie. Familienfremde Eindringlinge werden aus dem Gemeinschaftsterritorium vertrieben. Soziale Handlungen wie gegenseitiges Putzen wurden bei in Kolonien lebenden Feldmäusen nicht beobachtet.

Die hohe Vermehrungsrate, das gemeinsame Aufziehen der Jungen und die hohe Dichte geschlechtsreifer Weibchen auf engem Raum tragen zum schnellen Anwachsen der Population bei. Im Winter haben die Gemeinschaftsbaue einen weiteren Vorteil, denn durch das gemeinsame Schlafen in einer Höhle werden sehr hohe Temperaturen erreicht, durch die die Tiere die kalten Außentemperaturen gut überstehen können. Trotz dieser Vorteile des sozialen Zusammenlebens kommt es regelmäßig zum Zusammenbruch der Population. Zum Massensterben tragen u. a. Seuchen, deren Verbreitung durch das enge Zusammenleben begünstigt wird, Kälte, natürliche Feinde sowie eine Einschränkung der Fortpflanzung, die aber erst bei extremer Siedlungsdichte auftritt (die Embryonen werden teilw. im Mutterleib resorbiert), bei. Damit kann der langsame Rückgang der Populationsdichte erklärt werden, nicht aber das plötzliche Massensterben, das häufig bei einer solchen übernormalen Populationsgröße auftritt. Die Hauptgründe für das plötzliche Sterben sind die Nahrungsverknappung und der Gedrängefaktor - die Auswirkungen der Umstellung der solitären zur sozialen Lebensweise dürfen nicht unterschätzt werden. Das häufige Zusammenstoßen mit Artgenossen löst Stress aus. Es herrscht eine andauernde Nahrungskonkurrenz, so dass die Tiere in einen permanenten Erregungszustand verfallen. Die Wege auf der Suche nach Nahrung werden immer länger und Aktivitätsphasen nehmen deutlich zu. Der psychische Stress hat physische Folgen, so dass die Tiere Symptome der Erschöpfung zeigen, wie verlangsamte Reaktionsfähigkeit, Haarsträuben, Apathie usw. Außerdem wirkt sich der Stress auf die Nebennieren und das vegetative Nervensystem aus, so dass es zu einer erhöhten Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Corticoiden kommt, wodurch sich die Herzschlagfrequenz und der Blutdruck erhöhen und verstärkt Blutzucker freigesetzt wird. Dadurch werden die Tiere in einen andauernden Erregungszustand versetzt. Wenn der Stress durch die Überbevölkerung nicht abnimmt, hat dies äußerst negative Folgen: Als erstes wird die Fortpflanzungsaktivität stark herabgesetzt, des Weiteren kommt zu Aggressionen unter den Tieren und zu kannibalischen Handlungen. Als letzte Folge sterben viele Mäuse an einem durch den hohen Blutzuckerspiegel verursachten hypoglykämischen Schock. In einem solchen Zustand größten psychischen und physischen Stresses reichen äußere Faktoren, wie niedrige Temperaturen oder Nahrungsmangel aus, um ein Massensterben auszulösen, dem fast alle Individuen zum Opfer fallen. Die entvölkerten Gebiete werden durch Einwandern von Feldmäusen benachbarter Bereiche wieder bewohnt.

Text von Sara Yousef
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