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Anmerkungen zur Inzucht

Auf vielen Internetseiten speziell im Bereich der Mongolischen Rennmäuse, aber auch anderer Nager- und sonstiger Kleinsäugerarten finden sich in letzter Zeit gehäuft Diskussionen über die Schädlichkeit von Inzucht. In manchen Foren sind teils massive Angriffe gegen Halter zu erleben, die, ob beabsichtigt oder aus Versehen, Inzuchtverpaarungen durchführen, und in vielen Annoncen wird verstärkt nach Tieren gesucht, die „blutsfremd“ oder „nicht aus Inzuchtverpaarung“ sein sollen oder es werden „garantiert blutsfremde“ Tiere angeboten - und dies inzwischen auch immer mehr im Bereich der „Exoten“ wie bei Knirpsmäusen, Vielstreifengrasmäusen und Steppenlemmingen. Dabei ist immer wieder die Rede von durch Inzucht verursachten Erbschäden, Krankheiten usw., leider beschäftigt sich trotz vieler Diskussionen kaum jemand ernsthaft mit diesem Thema bzw. den Grundlagen hierzu, daher an dieser Stelle einige Anmerkungen.

Oft werden in der Heimtierzucht die Relationen übersehen oder ignoriert, in denen in anderen Bereichen der Tierzucht Inzuchtverpaarungen betrieben werden. Am besten definiert und in unglaublicher Anzahl existieren Inzuchtstämme von Hausmäusen. Bereits 1998 wurden von den Jackson Laboratories 436 (!) Hausmausinzuchtstämme als „Major mouse strains“ aufgeführt. Dazu kommt noch ein Vielfaches an Stämmen, die weniger weit verbreitet bzw. einfach noch jünger sind. Dazu muss man sich klarmachen, dass entsprechend den offiziellen Richtlinien erst ab einer konsequenten Bruder-Schwester-Verpaarung von mindestens 20 Generationen in Folge von „Inzuchtstämmen“ gesprochen wird! Begonnen wurde die Zucht dieser Mäuse um 1900, viele der heute am weitesten verbreiteten Mäusestämme gehen auf die 1910er bis 1930er Jahre zurück, so z. B. BALB (albino), C57BL (black), DBA (dilute brown non-aguti) und einige weitere. Für diese Stämme wird eine garantierte Anzahl von Inzuchtgenerationen von teilweise weit mehr als 150 angegeben und dies dürfte noch eine sehr vorsichtige Angabe sein. Wenn man einmal von vielleicht 3 Mäusegenerationen pro Jahr in professionellen Züchtereien ausgeht, kommt man bei einem Mäusestamm, der ab 1930 gezielt ingezüchtet wurde, auf inzwischen 225 Generationen reiner Bruder-Schwester-Verpaarungen!

Man muss sich also wirklich vor Augen halten, dass die heute hunderte Mäuseinzuchtstämme nicht nur aus Verpaarungen nahe verwandter Tiere hervorgingen, sondern tatsächlich ausschließlich aus Verpaarungen von Wurfgeschwistern. Inzwischen existieren auch Inzuchtstämme von Wanderratten, Hamstern, Mongolischen Rennmäusen, Krallenfröschen und anderen Arten. Und zum anderen muss man sich klar machen, dass es noch andere Arten wie den Goldhamster gibt, die im Vergleich zu Mäusen und Ratten auf noch ganz erheblich weniger Ausgangstiere zurückgehen, d. h. die - wenngleich nicht planmäßig wie bei den Labormausinzuchtstämmen - zwangsläufig in den ersten Jahren nur durch Inzucht oder Inzestzucht über viele Generationen erhalten werden konnten. Sehr viele heute als Heimtiere etablierte Nagetiere gehen ursprünglich auf Zuchten für wissenschaftliche Zwecke zurück, seien es professionelle Tierzüchter wie Harlan-Winkelmann oder Charles River und viele andere oder universitäre und privatwirtschaftliche Forschungseinrichtungen mit eigener Tierzucht. Dementsprechend haben viele bereits eine lange Abfolge an Inzuchtgenerationen hinter sich, ehe sie überhaupt in die Hände von Hobbyhaltern gelangten. Leider lässt sich der genaue Ursprung bzw. die Zusammensetzung" vieler Heimtierpopulationen nicht mehr ermitteln, wobei es diesbezüglich auch kein großes Interesse zu geben scheint.

Grundsätzliches


Für viele wissenschaftliche Fragestellungen ist es wesentlich, genetisch möglichst identische Tiere zur Verfügung zu haben, so dass von verschiedenen Tierarten gezielt Inzuchtstämme geschaffen wurden, von denen dann teils die heutigen Heimtiere abstammen. Gene liegen in der Regel in jeweils zwei verschiedenen Anlagen, den Allelen vor, die von den Eltern auf die Nachkommen vererbt werden. Durch Inzucht wird der Anteil der Gene, die zwei unterschiedliche Allele aufweisen (hier ist das Tier dann heterozygot), immer weiter verringert, bis der größte Teil aller Gene homozygot vorliegt, d. h. zwei gleiche Allele aufweist. Dies trifft nach 20 Generationen auf rechnerische 98,7 % aller Gene zu. Eine vollständige Homozygotie aller Gene kann allerdings in der Praxis nicht erreicht werden.

In der Natur ist es prinzipiell von Vorteil, wenn in einer Population eine möglichst große Anzahl verschiedener Allele vorhanden ist, die dann durch Rekombination bei sexueller Fortpflanzung in der nächsten Generation wieder neu zusammengestellt werden. Dies verhindert z. B., dass bei einer Änderung der Umweltbedingungen, dem Ausbruch von Krankheiten usw. die ganze Population ausstirbt. Ist die Population groß genug, wird es einige wenige Individuen geben, die die für diese Situationen entsprechende genetische Ausstattung haben und die dann als Überlebende übrig bleiben. Auch gibt es eine Vielzahl an genetisch bedingten Krankheiten, die rezessiv sind, die also nur dann zum Tragen kommen, wenn das verantwortliche Gen mit zwei gleichen Allelen, d. h. homozygot vorliegt. Es ist wichtig zu beachten, dass durch Inzucht keine genetischen Defekte hervorgerufen werden. Es gibt eine Vielzahl unterschiedlicher Mechanismen, die zu Veränderungen im Erbgut führen, die vom Austausch oder Fehlen einzelner Moleküle der DNA bis hin zum Fehlen ganzer Chromosomen reichen. Diese Mutationen entstehen teils mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit spontan bei jedem Fortpflanzungsvorgang bei der Meiose, werden aber auch beispielsweise durch verschiedene Arten von Strahlung hervorgerufen. Der Effekt von Inzucht oder besser Verwandtschaftszucht kommt dann zum Tragen, wenn zwei Individuen, die körperlich gesund erscheinen, aber heterozygote Träger eines rezessiven „Krankheitsallels“ sind, miteinander Nachkommen zeugen. Unter diesen findet man dann bei einem einfachen Erbgang zu 25 % solche, bei denen das entsprechende Gen zwei der „schädlichen“, Krankheiten verursachenden Allele aufweist (also homozygot ist) und bei denen die Krankheit dann zu Tage tritt. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich zwei Tiere verpaaren, die beide heterozygote Träger eines genetischen Defekts sind, ist bei der Verpaarung von Tieren mit gemeinsamen Ahnen höher als bei nicht verwandten Tieren. Es kommt aber nur zur sichtbaren Ausprägung eines Merkmals, dessen Anlagen in den Tieren schon längst vorhanden waren. Und selbstverständlich können auch zwei „nicht verwandte“ Tiere entsprechende Anlagen aufweisen, nur eben in der Regel mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit.

Inzucht ist also nicht die Ursache für Krankheiten, Missbildungen usw., sondern führt nur dazu, dass mit einer höheren Wahrscheinlichkeit zwei Träger unerkannter, rezessiver Mutationen aufeinander treffen und Nachkommen zeugen. Die Vermeidung von Inzucht oder Inzestzucht kann deshalb dazu führen, dass in einem Zuchtstamm lange Zeit kein Individuum sichtbare Effekte von Erbkrankheiten aufweist, dass dafür aber unerkannt immer mehr Tiere rezessiv die entsprechenden Allele tragen, so dass in Populationen mit einem für Hobbyzuchten vertretbaren Umfang früher oder später auch bei Vermeidung echter Inzucht Nachkommen mit Erbkrankheiten auftreten werden, soweit die entsprechenden Mutationen irgendwo in der Population vorhanden sind. Inzucht führt einfach dazu, dass Erbschäden schon in früheren Generationen sichtbar werden. Tragen die Tiere z. B. einer Zuchtgruppe keine „schädlichen“ Mutationen, so kommt es auch bei Inzuchtverpaarung nicht zur Ausprägung von Erbkrankheiten.

Was allerdings fast immer bei einer konsequenten Inzucht über mehrere Generationen einsetzt, sind sog. Inzuchtdepressionen. Hierunter fallen unter anderem ein Rückgang der Fruchtbarkeit, teils auch eine Verringerung der Körpergröße, sowie höhere allgemeine Krankheitsanfälligkeit. Dies betrifft v. a. Tiere der Inzuchtgenerationen F2 bis F8. Bei einigen Tieren ist die Fruchtbarkeit so eingeschränkt, dass man früher sogar eine prinzipielle Unmöglichkeit von Inzucht vermutete. Dass dies natürlich nicht allgemein so ist, beweisen ja die vielen hundert heutigen Inzuchtstämme bei Hausmäusen. In jeder Auszuchtpopulation, sei es in der Natur oder in Gefangenschaft, existiert immer eine geringe Anzahl von Genen, die schädliche Mutationen aufweisen. Diese kommen jedoch kaum zur Ausprägung, weil die mutierten Allele fast nur heterozygot vorliegen, bzw. weil bei homozygotem Auftreten die Tiere irgendwelche Einschränkungen aufweisen, die sie weniger lebensfähig machen, so dass sie ihre Erbanlagen auch kaum an die nächste Generation weitergeben. D. h. diese Genotypen werden herausselektiert. Hier darf man nicht vergessen, dass prinzipiell auch jede Farbmutation zunächst einmal schädlich ist, weil eine abweichende Fellfarbe fast immer schlechtere Tarnung bedeutet! Auch eine abweichend gefärbte, bspw. schwarze oder weiße Rennmaus ist unter natürlichen Bedingungen vollkommen lebensunfähig.

Durch konsequente Inzucht werden Gene zunehmend homozygot, d. h. es gibt kaum noch „versteckte“ Erbanlagen. Somit ist zwar richtig, dass zunächst ein höherer Anteil von Tieren in einer Inzuchtpopulation offensichtliche Erbkrankheiten aufweist als bei gut geplanter (!) Auszucht, auch wenn in beiden Populationen die gleichen mutierten Allele vorhanden sind. Dies heißt jedoch auch, dass ein lange bestehender Inzuchtstamm, d. h. mit vielen Inzuchtgenerationen, außer gelegentlich neu auftretenden Mutationen praktisch keine „schädlichen“ Allele mehr trägt, und dass in Stämmen, die nicht auf Inzucht basieren, aber auch nicht konsequent den Regeln für Auszuchten entsprechend geführt werden, was auf praktisch alle Heimtierpopulationen zutreffen dürfte, einfach nach längerer Zeit wahrscheinlich genau die selben Probleme auftreten, wie es in Inzuchtstämmen schon früher der Fall ist.

Was hat es jetzt aber mit Inzuchtdepression auf sich, bzw. wie lassen sich trotzdem Tierstämme durch Inzucht erhalten?

Inzucht in der Praxis


Zum Aufbau eines Inzuchtstammes ist eine möglichst breite Ausgangsbasis erforderlich. Hat man also von einer Tierart ein Paar, das gewünschte Merkmale zeigt (oder es existiert wie bei manchen Exoten einfach überhaupt nur ein Paar in Gefangenschaft), so züchtet man so viele F1-Nachkommen wie möglich. Aus diesem Pool von Tieren setzt man so viele Geschwisterpaare wie möglich zur Zucht an. In allen folgenden Generationen werden immer möglichst viele Verpaarungen gleichzeitig angesetzt und später die Linien eingestellt, die z. B. stark nachlassende Fruchtbarkeit zeigen. Hierbei gibt es immer einen großen Teil von Linien, die nicht fortgeführt werden können. Diejenigen jedoch, mit denen eine Zucht bis zur F8 möglich war, sind danach in der Regel problemlos fortzuführen, bzw. nimmt dann z. B. die Fruchtbarkeit wieder deutlich zu, da dann ganz einfach die „schädlichen“ Erbanlagen herausselektiert wurden. Dementsprechend sind auch Kreuzungen aus verschiedenen Inzuchtstämmen problemlos, d. h. es kommt hier von Anfang an nicht zu einem Auftreten von Inzuchtdepressionen!

Oft wird davon ausgegangen, dass ingezüchtete Tiere prinzipiell ihren wilden Artgenossen unterlegen sind, was Fruchtbarkeit etc. angeht. Auf den Informationsseiten der Jackson Laboratories finden sich detailierte Angaben zu durchschnittlichen Wurfgrößen, Wurfanzahl usw. der wichtigsten Labormausstämme. Dabei dürften die Durchschnittswerte einiger Inzuchttämme hinsichtlich dieser Parameter deutlich über den Durchschnittswerten wilder Hausmäuse liegen. Mit einer konsequenten Auswahl der Zuchttiere und Ausschluss aller ungeeigneten Tiere aus der Zucht lassen sich durchaus sehr vitale, rein auf Inzucht basierende Tierstämme züchten, die dann den Vorteil haben, keine „versteckten“ Erbschäden mehr zu tragen.

Vermeidung von Inzucht


Will man konsequent eine Zucht so betreiben, dass Verwandtschaftspaarungen maximal vermieden werden, so bedeutet dies einen ungeheuren Aufwand. In der professionellen Tierzucht gibt es viele solcher Auszuchtstämme, gerade bei Mäusen, Ratten und Mongolischen Rennmäusen, dahinter steckt aber wesentlich mehr als bloß die Verpaarung unmittelbar verwandter Tiere zu vermeiden. Ziel ist es, eine Population aufzubauen und zu erhalten, deren Angehörige wie in einer natürlichen Population ein höchstmögliches Maß an Heterozygotie aufweisen.

Es gibt verschiedene Systeme der Auszucht, auf die nicht näher eingegangen werden soll, da sie ohnehin privat praktisch nicht durchführbar sind. Nur die Größenordnungen seien erwähnt: die Randomzucht, d. h. Zufallsverpaarung, erfordert mindestens 100 Zuchtpaare. Bei der Rotationszucht werden noch 25 Zuchtpaare benötigt, und für die Linienzucht immerhin mindestens 10, um einen möglichst geringen Verwandtschaftsgrad aller Tiere zu erhalten (s. Belle, 2004). Dabei ist wichtig zu beachten, dass es bei einer einmal begonnenen Auszucht keine Selektion auf ein bestimmtes Merkmal hin geben soll, d. h. keine Auslese nach Farben und ähnlichen Merkmalen, da diese immer den Homozygotiegrad erhöht. Die Gesamtzahl benötigter Tiere für solche Auszuchten ist natürlich noch wesentlich höher als die Mindestanzahl der Zuchttiere, man kann von mindestens 250 bis 500 Individuen einer Art bzw. bei domestizierten Arten auch einer Rasse/Farbform etc. ausgehen, die benötigt werden, um dauerhaft eine möglichst große genetische Vielfalt zu erhalten, was aber auch dann natürlich nur mit sehr gutem Zuchtmanagement machbar ist. Unter Hobbybedingungen ist es weltfremd zu glauben, eine quasi natürliche Population mit möglichst geringer genetischer Übereinstimmung der Individuuen erhalten zu können, zumindest unter durchschnittlichen Verhältnissen. Dies erfordert umfangreiches Fachwissen, wie erwähnt extrem hohe Tierzahlen und einen perfekte Planung des Austauschs von Tieren zwischen verschiedenen Züchtern. Dies funktioniert für domestizierte Tiere in Labortierzüchtereien und für „Exoten“ in den europäischen Arterhaltungsprogrammen (EEP) vieler Zoos, privat bzw. ohne die Kooperation mit solchen Einrichtungen ist das völlig unrealistisch.

Wohl praktisch jede als Heimtier etablierte Kleinsäugerart dürfte einen viel höherer Homozygotiegrad aufweisen als ihre wilden Verwandten. Zum einen stammen viele von nur sehr wenigen Ausgangstieren ab, teilweise nur von einem einzigen Paar, zum anderen wurde bei fast allen Kleinsäugern Selektion hinsichtlich Fellfarbe und -struktur, Körpergröße, Verhalten usw. betrieben, so dass zwangsläufig viele Allele der „aussortierten“ Tiere verloren gingen. Diese lassen sich nachträglich natürlich auch durch die Verpaarung vermeintlich „blutsfremder“ Tiere nicht mehr in die Population einbringen, wenn diese wie so oft eben verwandtschaftlich doch nur sehr wenig entfernt sind.

Was heißt das für den Heimtierhalter und Hobbyzüchter?


Sicher sind die vielen hundert Labormausinzuchtstämme Extrembeispiele, bei deren Entwicklung auch etliche Linien wieder eingestellt wurden. Aber auch andere Arten wie der Syrische Goldhamster werden jetzt schon seit weit über hundert Generationen erhalten, obwohl der ganze heutige Bestand nur auf einem extrem kleinen Genpool von nicht mal einer Hand voll Ausgangstieren basiert. Natürlich muss man berücksichtigen, dass es bei der Entwicklung von neuen Inzuchtstämmen bei Labormäusen Rückschläge gibt und viele Stämme nicht erhalten werden können, da sie nicht dauerhaft erfolgreich reproduzieren und zu starke Anzeichen von Inzuchtdepressionen auftreten. Es ist aber eben genauso möglich, mit einer Zucht entsprechenden Umfangs durchaus inzuchtstabile Tierstämme aufzubauen. Dazu müssen aber sämtliche ungeeigneten Tiere aus der Zucht genommen werden.
Für den Hobbyhalter und -züchter bedeutet dies vor allem, dass es utopisch ist, mit einer im Rahmen privater Tierhaltung vertretbaren Anzahl von Tieren eine „inzuchtfreie“ Zucht zu schaffen. Auch ein Austausch mit anderen Züchtern hilft meist nur sehr bedingt, da ja bei vielen Arten die Tiere verschiedener Halter wiederum von sehr wenigen Ausgangstieren wenige Generationen zuvor abstammten (so z. B. bei Aalstrich-Klettermäusen). Bei verschiedenen „Exoten“ hilft es dann aber zumindest, gleich zu Beginn so viele F1-Wildfangnachzuchten wie nur möglich zu erzielen (unter der Annahme und Hoffnung, dass die Wildfänge nicht näher verwandt sind, was natürlich auch nicht stimmen muss) und möglichst viele verschiedene Zuchtlinien parallel aufzubauen, so dass nach ein paar Jahren und mehreren Generationen hoffentlich immer noch wenige vitale Stämme übrig sind, bei denen dann ein Austausch von Tieren auch wieder sinnvoll ist. Und hierbei sollte eben die Auswahl der Zuchttiere wirklich rein zufällig oder aber ausschließlich entsprechend der Vitalität der Tiere erfolgen. Beschränken sich zu viele Züchter zu früh z. B. auf wenige Farbformen, so geht den Heimtierpopulationen viel ihrer ursprünglichen genetischen Vielfalt verloren, was fatale Folgen haben kann, wenn etwa mit bestimmten Farben gehäuft Krankheiten einhergehen, aber niemand mehr völlig unabhängige, gesunde Stämme besitzt.

Auch eine zunehmend ingezüchtete Heimtierpopulation, wie dies wohl die Regel ist, kann höchst vital und reproduktiv sein. Dies erfordert aber eine strikte Auslese der zur Zucht geeigneten Tiere und kann bedeuten, dass bestimmte Zuchtziele mit gesunden Tieren ganz einfach nicht zu erreichen sind!

Speziell für die Züchter von Mongolischen Rennmäusen, die derzeit (theoretisch) besonderen Wert auf die Vermeidung von Inzucht zu legen scheinen und von denen viele Inzucht verantwortlich machen für gehäuftes Auftreten von Missbildungen, zurückgehender Lebenserwartung, Epilepsie, Krankheitsanfälligkeit usw., sollte das bedeuten, dass wirklich jedes Tier aus der Zucht ausgeschlossen wird, das irgendeinen bekannten (in Gefangenschaft aufgetretenen) Gendefekt trägt. Um dies herauszufinden, können Inzuchtverpaarungen bzw. Rückkreuzungen der Nachkommen mit ihren Eltern ein durchaus geeignetes Mittel sein. Wie ausgeführt, schaden solche Verpaarungen bei gesunden (!) Tieren den Nachkommen schließlich nicht. Und bei sichtbaren Schäden der Nachkommen kann das entsprechende Elter sofort konsequent aus der Zucht genommen werden und sollte dann auch keinesfalls mit „nicht verwandten“ Tieren verpaart werden. Bei gesunden Tieren sind Inzuchtverpaarungen problemlos, erst wenn sie über mehrere Generationen fortgeführt werden, können o. g. Inzuchtdepressionen auftreten. F1-Nachkommen gesunder Eltern tragen aber keinen Schaden durch eine Inzuchtverpaarung.

Wo im Übrigen viele Hobbyhalter und -züchter gerne professionellen Großzuchten vorwerfen, wahllos ohne auf die Gesundheit der Tiere zu achten alles miteinander verpaaren:
Die erwähnten wichtigen Mäusestämme konnten nur etabliert werden, weil bei ihnen von Anfang an konsequent nur die vitale und reproduktive Tiere zur Zucht weiterverwendet wurden. Bei vielen heute in der Wissenschaft eingesetzten Mäusestämmen stellte sich erst nach vielen Jahren heraus, welche für die Forschung wichtigen Eigenschaften die Tiere eigentlich aufweisen. Zunächst wurden aber ohne auf sonstige körperliche Merkmale zu achten, aus „weißen Mäusen“ und anderen Varianten, die teils aus Liebhaberzuchten stammten, durch strenge Auswahl der Zuchttiere nach Reproduktionsrate und Vitalität stabile Stämme aufgebaut - welche Fellfarben diese verschiedenen Hausmausstämme heute aufweisen ist eher Zufall, daraufhin wurde nie selektiert, da dies dort keine Rolle spielt.

Dies sollten also auch Privathalter beachten und weniger forciert auf bestimmte Farben oder sonstige von der Wildform abweichende körperliche Merkmale hin züchten. Und wer dies doch möchte, sollte das

1. immer entweder in dem Wissen tun, dass es auch notwendig oder zumindest sehr sinnvoll sein kann, der Gesundheit der Tiere zuliebe eine ganze Zucht komplett aufzugeben, sobald das Vorhandensein schwerwiegender Erbschäden in der Population bekannt ist, oder aber
2. so oft wie möglich Wildtiere einzukreuzen, auch wenn das einen Züchter leicht in seiner Arbeit um Jahre zurückwerfen kann, und wer
3. tatsächlich den Versuch unternehmen will, trotz des enormen Aufwandes einen Auszuchtstamm zu schaffen, sollte sich mit mindestens einer handvoll weiterer Züchter zusammentun, um auf eine entsprechende Anzahl Tiere (mehrere hundert) zu kommen, die dann auch wirklich konsequent und gut geplant miteinander verpaart werden, ohne dass der Züchter selbst eine subjektive Auswahl der Zuchttiere betreibt - d. h. keine gezielte Farbzucht, sondern überraschen lassen, was dabei herauskommt!

Dieser Text soll in erster Linie denen einen Denkanstoß bieten, die sich bislang zwar wenig mit den Grundlagen von Tierzucht beschäftigt haben, aber meinen, speziell in der Farbzucht von Mongolischen Rennmäusen durch Vermeidung von Inzucht quasi automatisch gesunde Populationen aufzubauen. Das Problem ist leider nicht Inzucht, sondern ganz einfach jegliche Farb- oder sonstige Selektionszucht. Oder um es härter zu formulieren: Jegliche „Zucht“, wie der Begriff in Liebhaberkreisen oft verwendet wird, birgt solche Probleme, wohingegen das, was oft sehr abwertend als „Vermehren“ abgetan wird, zumindest bei ausreichender Tierzahl durchaus einer Auszuchtpopulation näher kommen kann.

Man muss sich von der naiven Vorstellung verabschieden, durch gelegentlichen Austausch von Zuchttieren mit anderen Züchtern eine quasi natürliche Population mit größtmöglicher Heterozygotie schaffen zu können. Dies erfordert einen sehr großen logistischen Aufwand und züchterisches Wissen und schließt eine Zucht mit einem bestimmten Ziel praktisch aus. Jede Hobbyzucht endet früher oder später in einer Population genetisch viel ähnlicherer Tiere als dies in der Natur jemals der Fall wäre. Wer sich nur ein wenig mit der Vorgeschichte seiner Tiere beschäftigt und z. B. in Erfahrung bringt, wann, von wem und in welcher Zahl die Ahnen tatsächlich genau importiert und von welchen Züchtern aus die Art weiterverteilt wurde, wird oft feststellen, dass bei sehr vielen „Exoten“ auch ein Austausch von Zuchttieren über hunderte von Kilometern vergebene Mühe ist, da alle Tiere in Deutschland nur 1 oder 2 Generationen früher gemeinsame Ahnen haben!

Es ist durchaus möglich, auf Dauer gesunde und auch inzuchtstabile Tierstämme zu etablieren. Dies erfordert aber eine breite genetische Ausgangsbasis, eine gute Charakterisierung der Zuchttiere z. B. durch die erwähnten Testverpaarungen von Eltern und Nachkommen, und daraus resultierend einen Ausschluss aller ungeeigneter oder fraglicher Tiere, auch wenn damit das ursprüngliche Zuchtziel unerreichbar werden sollte. Ein solches Vorhaben kann aber leider nur bei entsprechender Konsequenz erfolgreich sein. Es wird meist notwendig sein, um schließlich eine gesunde Population zu erzielen, zunächst so viele Nachkommen zu produzieren, dass sich diese unmöglich jemals weitervermitteln lassen. Hier muss man sich dann entweder an den Gedanken gewöhnen, der Gesundheit der Tiere bzw. der Heimtierpopulation einen großen Teil davon z. B. auch als Futtertiere enden zu lassen, oder lieber ganz die Finger von der Zucht problematischer Arten lassen. Problematisch sind hier v. a. domestizierte Arten wie verschiedene Hamster, Ratten und anscheinend ganz besonders Mongolische Rennmäuse, während andere Arten (diverse „Exoten“), bei denen eben (noch) nicht auf Farben oder ähnliches selektiert wurde, teilweise ohne jeglichen Austausch von Zuchttieren sich über Jahre halten und vermehren lassen - mir sind solche Gruppen von Afrikanischen und Eurasischen Zwergmäusen bekannt, die ausgehend von sehr wenigen Ursprungstieren ohne jegliche „Blutauffrischung“ über 10 Jahre und mehr ohne irgendwelche Anzeichen von Erbkrankheiten gezüchtet wurden, und bei denen auch in weiteren Generationen nach dem oben Gesagten wahrscheinlich mit keinen solchen Problemen zu rechnen gewesen wäre.

Während die reine Haltung von Tieren auf Ebene des Individuums ansetzt und es da natürlich primär um das Wohl jedes einzelnen Tieres geht, muss man sich bewusst machen, dass Zucht egal in welchem Umfang immer auf Artebene ansetzt. Hier übernimmt der Mensch die Rolle der Natur, indem er die Zuchttiere auswählt, er muss aber auch die Rolle der Natur beim Ausschluss von Tieren übernehmen. Es kann hierbei durchaus für die Art sinnvoll sein, Verpaarungen durchzuführen, die teils zu geschädigten Nachkommen führen. Wer aber hier zu sentimental vorgeht und zur Vermeidung solcher Probleme lieber schlecht charakterisierte Zuchttiere verwendet oder gar bekanntermaßen problematische Tiere bewusst mit „blutsfremden“ Tiere verpaart und damit entsprechende Gendefekte weiter verdeckt, schadet damit der ganzen Population, also der ganzen Art in Gefangenschaft und in späteren Generationen eben auch wieder dem einzelnen Tier, wenn sich nämlich genetische Defekte unerkannt in einer Population zu stark ausbreiten.

Fazit


Wer Tiere züchtet - oder auch nur sinnvoll darüber diskutieren will -, sollte sich der biologischen Grundlagen bewusst sein. Wo schnell nach „Inzucht“ als Wurzel allen Übels geschrieen wird, wird leider gleichzeitig völlig verdrängt, dass diese an sich gar nicht das Problem sein kann, sondern dass schon die eigene undurchdachte Zuchtstrategie auf unnatürliche Ziele hin entsprechende Probleme verursacht! Und „unnatürlich“ sind hier sowohl abweichende Farben, Veränderungen im Körperbau, aber auch verändertes Sozialverhalten und weitere Aspekte. Nicht nur die zunehmende Aggressivität mancher domestizierter, an sich sozialer Arten (wie unter Umständen bei Mongolischen Rennmäusen und den Langschwänzigen Zwerghamstern), sondern ganz klar auch die deutlich abnehmende Aggressivität vieler domestizierter Linien an sich solitär lebender Arten (wie beim Syrischen Goldhamster) sind Zuchtresultate, die nicht zu akzeptieren sind, wenn ein Züchter gleichzeitig davon spricht, sich die „Bewahrung der Natürlichkeit“ einer Tierart als Zuchtziel gesetzt zu haben. Solche Verhaltensänderungen usw. sind selbstverständlich ganz normale Vorgänge im Zuge der Domestikation, aber man sollte auch hier mit den Begrifflichkeiten ehrlich umgehen und offen dazu stehen, dass die meisten Zuchten eben gerade nicht den Erhalt von Wildformen oder der Natürlichkeit einer Art zum Ziel haben (können), denn dies ginge eben nur mit den beschriebenen Auszuchtsystemen mit sehr großen Tiermengen und ist mit Farbzucht etc. praktisch unvereinbar.

Dieser kurze und grobe Abriss soll einen Denkanstoß u. a. für diejenigen liefern, die ohne sich mit der Materie zu beschäftigen in entsprechenden Diskussionen gegen andere Vorwürfe wegen deren Zuchtpraxis erheben, dabei aber leider (sicher unbewusst) für die weitere Verbreitung von grundsätzlich falschen Informationen sorgen. Mehr als ein solcher Denkanstoß kann hier aber nicht gegeben werden, wer sich ernsthaft mit dem Thema Zucht und Genetik auseinandersetzen will, für den sollte es ohnehin selbstverständlich sein, neben den unten genannten Informationsquellen noch weitere fachliche Quellen zu Rate zu ziehen.

Literatur / Quellen

Die folgenden Informationsquellen handeln spezifisch von Hausmäusen (Mus musculus), die dort beschriebenen Grundlagen gelten aber natürlich auch für andere Tiere:

1. Silver, Lee M.: Mouse Genetics: Concepts and Applications, Oxford University Press 1995.

2. Wer die genaue Definition von „Inzuchtstamm“ usw. nachlesen will, der sollte die Mouse Nomenclature Guidelines zu Rate ziehen.

3. Belle, M. A. (2004): Zuchtdaten zu Körpergewicht, Fruchtbarkeit und Aufzuchtleistung der Schleißheimer Mäusestämme zwischen 1990 und 2001. Dissertation der LMU, München.

Text von Stefan Schumacher
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