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Anmerkungen zur Systematik der Säugetiere

Allgemeines

Die auf dieser Website verwendete Systematik basiert auf Wilson & Reeder (2005). Danach ergeben sich einige Unterschiede gegenüber älteren Systematiken, wie sie noch in den meisten nicht-wissenschaftlichen Büchern und Internetseiten zu Kleinsäugern zu finden sind. Natürlich ist jede Gliederung des Tierreichs nur vorläufig, bis neue Erkenntnisse für andere Verwandtschaftsverhältnisse sprechen. In den letzten Jahren kommt es u. a. deshalb zu vielen grundlegenden Änderungen, weil außer den klassischen morphologischen Merkmalen (Schädelstruktur, Zahnformel, Körperproportionen usw.) neuerdings vermehrt molekularbiologische Methoden Verwendung finden. D. h. bisher aufgrund ihrer Morphologie als nahe verwandt betrachtete Gruppen können sich genetisch so stark unterscheiden, dass man annehmen muss, dass Übereinstimmungen im Körperbau eher auf eine zufällig ähnliche Entwicklung (Konvergenz) als auf eine Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahren zurückzuführen sind. Inzwischen stellen etliche Autoren bereits wieder andere systematische Konzepte vor, wofür auch jeweils stichhaltige Gründe geliefert werden. Wir haben uns entschlossen, bei der Gliederung nach Wilson & Reeder zu bleiben, weil sie den aktuellst möglichen Stand der Nagetiersystematik darstellt, wie er auch für Nicht-Wissenschaftlern verfügbar und weltweit verbreitet ist. Dass in zoologischen Fachzeitschriften ständig Änderungen hierzu vorgestellt werden, soll für den Hobbytierhalter und auf dieser Internetseite solange keine Rolle spielen, bis solche Änderungen in einer Neuauflage dieses Werkes übernommen wurden.

Bedeutung fr den Kleinsugerhalter

Prinzipiell könnte es dem Kleinsäugerhalter natürlich egal sein, wo seine Tiere systematisch einzuordnen sind, solange er keine wissenschaftlichen Ambitionen hat. Ein wenig Überblick über die Verwandtschaftsverhältnisse kann jedoch ganz hilfreich sein, um die Bedürfnisse und Verhaltensweisen der Tiere in Gefangenschaft zu verstehen. Hier sei nur die Ordnung Rodentia genannt, bei der wohl oft übersehen wird, wie umfangreich und vielgestaltige diese Gruppe mit über 1700 Arten ist, und bei der anscheinend viele Halter dennoch weitgehend übereinstimmende Verhaltensweisen und Bedürfnisse erwarten und irritiert sind, wenn manche Arten diesbezüglich völlig von anderen abweichen oder erprobte Haltungsbedingungen bei "neuen Arten" nicht funktionieren. Außerdem werden neben Nagertieren längst auch etliche Vertreter anderer "Kleinsäuger"-Ordnungen als Heimtiere gepflegt. Man sollte auf jeden Fall versuchen, ein wenig den Überblick über die Verwandtschaftsverhältnisse seiner Haustiere zu behalten, schon um darauf gefasst zu sein, dass systematisch sehr weit voneinander entfernte Arten unter Umständen auch sehr verschiedene Lebensweisen und Ansprüche haben können.

Bspw. wird sich sicher kaum jemand wundern, dass seine "Maushamster" oder "Mausartigen Zwerghamster" (Calomyscus mystax) völlig abweichende Verhaltensweisen von verschiedenen Hamsterarten zeigt, der weiß, dass die Gattung Calomyscus in einer eigenen Familie der Calomyscidae eingeordnet wird und damit keine nähere Verwandtschaft zu Hamstern (Unterfamilie Cricetinae innerhalb der Familie Cricetidae) aufweist.


Literatur

Die hier verwendete Systematik entstammt

WILSON, D. E. & D. M. REEDER (Hrsg.). 2005. Mammal Species of the World: A Taxonomic and Geographic Reference (3rd ed). Smithsonian Institution Press, Washington.

Diese ist auch online auf der Homepage des Smithsonian National Museum of Natural History unter http://www.bucknell.edu/msw3/ abzurufen.

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Aus dem folgenden Buch entstammen die meisten Daten zur Biologie der vorgestellten Arten, die jeweils unter "Allgemeine Informationen" zu finden sind. Dieses Werk kann jedem Kleinsäugerhalter nur empfohlen werden, da es neben vielen wichtigen Informationen auch eine Fülle an Abbildungen zu sämtlichen Säugetiergruppen enthält, darunter gerade bei Nagern viele Fotografien von ansonsten völlig unbekannten Formen:

NOWAK, R. M. (Hrsg.). 1999. Walker's Mammals of the World, Volume 2, 6th Edition. The John Hopkins University Press, Baltimore.

Im Vergleich zum o.g. genannten Werk ergeben sich inzwischen einige systematische Abweichungen.

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Schöne und lesenswerte Beschreibungen vieler verschiedener Nagerarten finden sich bei

GRZIMEK, B. (Hrsg.). 1988. Grzimeks Enzyklopädie Säugetiere, Bd. III. Kindler Verlag, München.

Dieses eignet sich aber nur als Nachschlagewerk für Informationen zu einzelnen Arten. Die Systematik ist auf einem sehr alten Stand und auch für eine grobe Orientierung über die Verwandtschaftsverhältnisse nicht mehr zu gebrauchen.

Zum Gebrauch deutscher Tiernamen

Im Gegensatz zur wissenschaftlichen Benennung von Arten gibt es keine verbindlichen Regeln für den Gebrauch von Trivialnamen, d.h. es gibt hier kein "falsch" oder "richtig". Dennoch haben sich natürlich für viele Arten im Lauf der Zeit bestimmte bevorzugte deutsche Bezeichnungen durchgesetzt, die eine relativ sichere Zuordnung ermöglichen. Teilweise führen von diesem eingebürgerten System abweichende Benennungen zu unnötiger Verwirrung, auch wenn sie nicht "falsch" sind. Hierzu ein paar Anmerkungen.

 

"Gerbil":
Dieser Begriff führt regelmäßig zu Diskussionen. Abgeleitet von der Unterfamilie der Gerbillinae lassen sich damit alle Vertreter dieser Gruppe ansprechen. Im Zoofachhandel wird unter diesem Namen am häufigsten Meriones unguiculatus angeboten. Leider ist auch in der deutsch- wie englischsprachigen wissenschaftlichen Literatur insbesondere aus dem Bereich der Tier- und Humanmedizin sowie der biologischen Grundlagenforschung immer wieder von "Gerbils" ohne Angabe eines wissenschaftlichen Namens zu lesen, wobei nicht wenigen Autoren wohl tatsächlich unbekannt ist, dass es mehrere Arten der Gerbillinae gibt, so dass man sich daran auch nicht unbedingt orientieren muss. In der englischsprachigen, zoologischen Fachliteratur scheint der Begriff "Gerbil" relativ einheitlich den Arten der Gattung Gerbillus zugeordnet zu werden (z.B. "Palid Gerbil" für G. perpallidus), während in der Regel etwa Vertreter der Gattung Meriones als "Jirds" bezeichnet werden (z.B. "Mongolian Jird" für M. unguiculatus). Daraus abgeleitet sollte zumindest darauf verzichtet werden, ausgerechnet M. unguiculatus auf deutsch lediglich mit dem Begriff "Gerbil" anzusprechen.

Diskussionen entbrennen auch immer wieder um die Begriffe "Wüstenrennmaus", "Rennmaus", "Springmaus" u. ä.; mit dem Begriff "Springmäuse" wird nun recht eindeutig üblicherweise die Familie der Dipodidae bezeichnet, so dass dies für die Gerbillinae nun überhaupt nicht sinnvoll ist. Der Begriff "Wüstenrennmaus" weist vermeintlich auf die Herkunft der Tiere hin, wäre also nur sinnvoll für Tiere aus entsprechenden Lebensräumen, wie die nordafrikanischen Vertreter der Gattung Gerbillus. Verschiedene Arten der Gattung Meriones inklusive der "Mongolischen Rennmaus" sind eher Steppenbewohner, für die in der deutschsprachigen Literatur auch die Bezeichnungen "Rennratten" und "Sandmäuse" verwendet werden. Sie finden sich z. B. bei Schmidt (1985) und bei Schulze Sievert (2002). Diese Namen haben sich aber im Bereich der Kleinsäugerhaltung überhaupt nicht durchgesetzt, auch wenn damit zusammen mit "Wüstenrennmaus" für Gerbillus eine brauchbare Abgrenzung zwischen den beiden am häufigsten gehaltenen Gattungen möglich wäre.

Schulze Sievert, U. E. (2002): Ein Beitrag zur tiergerechten Haltung der Mongolischen Wüstenrennmaus anhand der Literatur. Dissertation, Hannover.

Schmidt, G. (1985): Hamster, Meerschweinchen, Mäuse. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart.

 

"Wüstenspringmäuse":
Jaculus-Arten werden häufig auch als "Kängurumäuse" angeboten, als solche werden üblicher Weise jedoch Angehörige der neuweltlichen Heteromyidae (Taschenmäuse), einer völlig anderen Familie als die altweltlichen Dipodidae (Springmäuse), bezeichnet. Da es aber teils deutliche äußerliche Ähnlichkeiten und ähnliche Lebensweisen zwischen "Kängururatten", die ebenfalls zu den Heteromyidae gehören, und den "Wüstenspringmäusen" gibt, ist diese Benennung noch nachzuvollziehen.

Leider werden sehr oft auch verschiedene Arten der Gerbillinae als "Springmäuse" oder "Wüstenspringmäuse" bezeichnet. Dies ist nun überhaupt nicht verständlich, da sie nicht nur ebenfalls systematisch in einer ganz anderen Familie stehen, sondern noch dazu überhaupt nicht die ausgeprägten Sprungbeine von Jaculus besitzen.

 

"Streifengrasmaus":
Nach der üblichen Verwendung dieses Begriffes handelt es sich nicht um eine Art, sondern um die Bezeichnung der entsprechenden Gattung Lemniscomys mit rund 10 Arten. Bei uns werden zurzeit die Tüpfelstreifengrasmaus L. striatus sowie mehrere "Formen" der Vielstreifengrasmaus L. barbarus als Haustiere gehalten. L. striatus wird meist nur als "Tüpfelgrasmaus" bezeichnet, hier besteht aber auch keine Verwechslungsgefahr. L. barbarus hingegen wird oft nur als "Streifengrasmaus" angesprochen, diese Benennung trifft dann aber auch auf L. striatus und andere Arten zu, von denen sicherlich immer wieder einmal Tiere durch Importe zu uns gelangen. Deshalb sollte L. barbarus am besten immer als "Vielstreifengrasmaus" angesprochen werden, hier besteht kaum Verwechslungsgefahr.

 

"Mittelhamster":
Seit einiger Zeit scheint es eine gewisse Mode zu sein, den Syrischen Goldhamster Mesocricetus auratus lediglich als "Mittelhamster" zu bezeichnen, was aber für alle Arten dieser Gattung der übliche Name wäre und keinerlei Artzuordnung ermöglicht. Der gebräuchliche deutsche Name "Syrischer Goldhamster" kennzeichnet die Art eindeutig und sollte daher am besten auch so verwendet werden. Für Verwirrung sorgt auch oft die Angewohnheit des Zoofachhandels, nebeneinander "Goldhamster", "Teddyhamster", "Scheckenhamster" u. ä. anzubieten. Dies führt häufig dazu, dass die Kunden den Begriff "Goldhamster" teils an der Farbe festmachen, teils verschiedene Arten hinter den Zuchtformen von M. auratus vermuten.

 

"Lemminge":
Die Echten Lemminge der Gattung Lemmus, die man aus Fernsehberichten von Norwegen etc. kennt, gehören innerhalb der Arvicolinae zusammen mit zwei weiteren Gattungen der Tribus der Lemmini an. Bei uns wird allerdings regelmäßig nur der "Graue Steppenlemming" Lagurus lagurus als Haustier gehalten, der den Schermäusen (Arvicola spp.) viel näher steht .

 

"Knirpsmaus" und "Zwergmaus":
Die einheimische Art Micromys minutus wird meist eindeutig als "Eurasische Zwergmaus" bezeichnet. Aufgrund ihrer etwas anspruchsvolleren Haltung und der Notwendigkeit der Anmeldung bei der zuständigen Behörde ist sie weniger weit verbreitet als die afrikanische Art Mus minutoides. Diese wurde viele Jahre fast immer als "Afrikanische Zwergmaus" gehandelt. Inzwischen wird diese Art aber vor allem auf Tierbörsen und im Zoohandel zunehmend nur noch als "Zwergmaus" oder als "Knirpsmaus" angeboten. Letzteres ist nicht weiter tragisch, da damit kaum Verwechslungsgefahr mit Micromys besteht. Die alleinige Bezeichnung "Zwergmaus" sollte aber unbedingt vermieden werden. Zum einen wird eben auch die "Eurasische Zwergmaus" als Haustier gehalten, zum anderen gibt es einige weitere Arten, die (noch) keine Haustiere sind, jedoch ebenfalls üblicherweise mit dem Begriff "Zwergmaus" belegt sind, u. a. die Amerikanischen Zwergmäuse (Baiomys). Schon die ersten beiden Arten haben völlig unterschiedliche Lebensweisen und Bedürfnisse, und die letztgenannten gehören als Vertreter der Neotominae auch noch einer ganz anderen systematischen Gruppe an. Außerdem gibt es noch nicht einmal einfach "die" Afrikanische Zwergmaus: es herrscht zwar immer noch Unklarheit, inwieweit bspw. M. minutoides von M. musculoides ebenfalls aus der Untergattung Nannomus abzugrenzen ist, aber es muss bei den deutschen Trivialnamen berücksichtigt werden, dass es neben M. minutoides aus dem südlichen Afrika in anderen afrikanischen Ländern eine ganze Anzahl vergleichbar winziger "Afrikanischer Zwergmausarten" gibt, so dass zuimdest die bereits bei uns vorhandenen Arten möglichst eindeutig angesprochen werden sollten.

 

"Zwerghamster":
Eine reichlich unbrauchbare Sammelbezeichnung für fünf sehr verschiedene, v. a. verschieden groß werdende und nicht näher verwandte Gattungen der Cricetinae. Da die Begriffe "Großhamster" und "Mittelhamster" eindeutig die Gattungen Cricetus und Mesocricetus ansprechen, verleitet die Bezeichnung "Zwerghamster" häufig zu der Vermutung, dass auch dies eine verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit der verschiedenen Gattungen impliziert, die jedoch überhaupt nicht gegeben ist. Und leider scheinen selbst innerhalb der Gattung der "Langschwänzigen Zwerghamster" Cricetulus Arten zusammengefasst zu sein, die nicht näher verwandt sind. Da bei uns immerhin regelmäßig 4 Arten aus zwei "Zwerghamster"-Gattungen gehalten werden und dazu noch mit den "Mausartigen Zwerghamstern" Calomyscus Tiere aus einem ganz anderen Verwandtschaftskreis als „Zwerghamster“ angesprochen werden, sollte auf jeden Fall immer von "Langschwänzigen Zwerghamstern" und "Kurzschwänzigen Zwerghamstern" zur Abgrenzung von Cricetulus und Phodopus gesprochen werden.

 

"Siebenschläfer":
Der Siebenschläfer (Glis glis) ist ein einheimischer Vertreter der Unterfamilie Glirinae innerhalb der Gliridae (Schläfer, Bilche). Afrikanische Zwergschläfer (Graphiurus spp.) hingegen stehen in der Unterfamilie der Graphiurinae. Während der Siebenschläfer teilweise je nach Verbreitungsgebiet tatsächlich eine annähernd sieben Monate dauernde Ruhezeit einhält, sind die Vertreter der Graphiurinae mehr oder weniger das ganze Jahr aktiv, evtl. mit kurzen Unterbrechungen in extremen Trockenzeiten. Deshalb ist bei ihnen die Bezeichnung "Zwergsiebenschläfer" unsinnig, da sie weder eine kleine Ausgabe des Siebenschläfers sind noch die namensgebende Ruhezeit einhalten.

Text von Stefan Schumacher
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