Unbenanntes Dokument

STECKBRIEF

Wissenschaftlicher Name:
Lagurus lagurus
Deutscher Name:
Grauer Steppenlemming
Englischer Name:
Steppe lemming
Ordnung:
Rodentia
Familie:
Cricetidae
Unterfamilie:
Arvicolinae
Vorkommen:
Ukraine, Nord-Kasachstan, West-Mongolei, Nordwest-China
Größe:
8-12cm + 0,7-1,9cm Schwanz
Gewicht:
25-35 g
Geschlechtsreife:
mit 4-6 Wochen
Tragzeit:
20 Tage
Durchschnittliche Wurfgröße:
In der Natur 8
Sozialverhalten:
Gesellig, in Gefangenschaft jedoch oft territorial
Aktivitätsphasen:
V. a. Nachtaktiv
Besonderheiten:
Neigen zu Diabetes, deshalb Ernhrung beachten
Anspruch:
Einfach

ALLGEMEINES

Als „Lemminge“ werden einige Gruppen von Wühlmäusen bezeichnet, die teilweise in Gestalt und Lebensweise stark voneinander abweichen. „Der“ typische Lemming schlechthin ist Lemmus lemmus, der norwegische Berglemming. Die Gattungen Lemmus (Echte Lemminge), Myopus (Waldlemminge), Synaptomys (Lemmingmäuse) und Dicrostonyx (Halsbandlemminge) werden als Tribus Lemmini, die Eigentlichen Lemminge, zusammengefasst. Sie sind es, mit denen viele das Bild von sich in Massen über die Klippen ins Meer stürzenden Nagetieren verbinden, diese Vorstellung hat aber mit der tatsächlichen Lebensweise der Lemminge nichts zu tun. Sucht man den Ursprung dieses leider auch in einigen „Fachbüchern“ immer wieder zitierten Bildes, so landet man zwangsläufig bei Walt Disney. In seinem 1958 veröffentlichten Film „White Wilderness“ zeigte er die angeblichen Massenwanderungen mit dem anschließenden Todessprung ins Meer. Tatsächlich aber hatte die Filmcrew damals lediglich einige Dutzend Tiere bei Einheimischen gekauft und diese auf einer schneebedeckten Drehscheibe laufen lassen. Aus entsprechender Perspektive gefilmt, entstand so der Eindruck einer riesigen wandernden Gruppe Lemminge. Um auch den angeblichen Selbstmord filmisch in Szene zu setzen, wurden die Tiere anschließend direkt an einer Klippe ausgesetzt und mit Hunden gehetzt, worauf die Lemminge in Panik in den Abgrund sprangen.

Auch wenn der angebliche Selbstmord ein Märchen ist, so sind Massenvermehrungen und darauf folgende Wanderungen bei den genannten Gattungen doch Realität. Bei den Lemmingen kommt es immer wieder zu sprunghaften Massenvermehrungen, worauf hin es aufgrund der hohen Individuendichte dann zu Spannungen und Aggressionen zwischen den Tieren kommt. Da die Nahrung knapp wird, kommt es zu einer genetisch gesteuerten Massenwanderung der Lemminge auf der Suche nach neuen Nahrungsgründen. Auf ihrem Zug kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen den Tieren. Diese Aggressionen vergessen die Lemminge, wenn sie auf ein Hindernis stoßen, z.B. einen Fluss oder einen See. Dicht gedrängt sammeln sich die Tiere am Ufer, bevor die ersten Tiere sich teilweise aus verzweifeltem Mut, teilweise durch die nachfolgenden Massen gedrängt, ins Wasser stürzen, um zum anderen Ufer zu schwimmen. Aber nicht alle Tiere kommen am anderen Ufer lebend an, ein großer Teil der Lemminge verliert den Kraft raubenden Kampf mit den Wellen. Die Leichen der entkräfteten Lemminge treiben auf dem Wasser und vermitteln den Eindruck, als hätten sie gemeinsamen Suizid begangen. In Wirklichkeit sind es aber nur die Tiere, denen die Kräfte für die weitere Wanderung gefehlt haben. Die Lemminge, die das andere Ufer erreichen, setzen ihre Reise fort, bis sie neue Nahrungsgründe finden. Auch einige andere Wühlmausgattungen (z. B. Lasiopodomys) zeigen dieses Wanderverhalten, hingegen nicht alle Gattungen oder Arten, die bei uns „Lemminge“ heißen.

Nicht näher mit den oben erwähnten Lemmingen sind weitere, jedoch ebenfalls als Lemminge bezeichnete Gattungen verwandt, zum einen die Mulllemminge (Ellobius), zum anderen die Steppenlemminge (Lemmiscus, Eolagurus und Lagurus). Die einzige Art der Gattung Lagurus ist zugleich der einzige „Lemming“, der eine Verbreitung als Haustier gefunden hat: der Graue Steppenlemming L. lagurus, der im Weiteren vorgestellt werden soll.


Lebensweise

In seinem Verbreitungsgebiet, das von der Ukraine bis in die westliche Mongolei reicht, bewohnt der Steppenlemming vor allem die Steppengebiete und Halbwüsten. In jüngster Zeit ist er aber auch vermehrt auf landwirtschaftlich genutzten Weiden und Ackerflächen zu finden, was ihn bei der Bevölkerung nicht sonderlich beliebt macht. Im Gegensatz zu den an der Oberfläche gelegenen Fluchtbauten, die meist nur kurze Zeit zum Rückzug bei drohenden Gefahren verwendet werden, liegen die eigentlichen Wohnbauten bis zu 90 cm unter der Erdoberfläche. Der Bau hat zwei bis drei Ausgänge und eine zentral gelegene Wohnhöhle, die mit Gras und feinen Wurzel ausgekleidet ist. Sie dient als Schlaf- und Wurfhöhle. In ihrem Verbreitungsgebiet sind die Steppenlemminge häufig anzutreffen, die Populationsdichte beträgt 30-50 Tiere pro Hektar. Die Weibchen zeitigen bis zu fünf Würfe im Jahr, wobei die durchschnittliche Wurfgröße bei acht Jungtieren liegt, es wurden aber auch schon Würfe mit 12 Jungtieren beobachtet.

Steppenlemminge sind gesellige Tiere, die mindestens paarweise oder auch in Gruppen von 4-6 Individuen zu halten sind. Dabei sollte die Anzahl der Weibchen die Zahl der Männchen stets übersteigen.

Text von Ralf Sistermann
Impressum | Design by Alexandre Maia