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STECKBRIEF

Wissenschaftlicher Name: Lemniscomys barbarus
Deutscher Name: Vielstreifengrasmaus
Englischer Name: Barbary Striped Grass Mouse
Ordnung: Rodentia
Familie: Muridae
Unterfamilie: Murinae
Vorkommen: Nordafrika
Größe: 8-12 cm + 8-13 cm Schwanz
Gewicht: 30-40 g
Geschlechtsreife: ♂ mit 10 Wochen, ♀ teils erst mehrere Monate später
Tragzeit: 21 Tage
Durchschnittliche Wurfgröße: 5 Junge
Sozialverhalten: Gesellig
Aktivitätsphasen: Tag- und dämmerungsaktiv
Besonderheiten: -
Anspruch: Einfach

ALLGEMEINES

Zu den schönsten Nagetieren überhaupt gehören sicher die 10 Arten aus der Gattung der Streifengrasmäuse Lemniscomys. Es gibt drei grundsätzliche Zeichnungsvarianten:

  • Die Einstreifengrasmaus L. rosalia, die primitivste Art der Gattung, die den Grasratten (Pelomys spp.) nahe steht, hat nur einen einzigen dunklen Strich auf dem Rücken.
  • Die Tüpfelgrasmaus L. striatus und weitere Arten zeigen ein Muster aus hellen Punkten, die 5 oder 6 Reihen auf jeder Körperseite bilden.
  • Am bekanntesten ist die Zeichnung von Arten wie der Vielstreifengrasmaus L. barbarus, die statt Punktreihen durchgehende helle Linien auf dunklem Grund haben und damit stark an Wildschweinfrischlinge erinnern.

Streifengrasmäuse sind über ganz Afrika verbreitet, wobei die meisten Arten Trockengebiete bewohnen, während L. striatus auch sumpfiges Gelände bewohnt. Es sind hauptsächlich tagaktive Bodenbewohner, die gesellig leben und teilweise in sehr hoher Dichte vorkommen. Je nach Art kommen sie vom Tiefland bis in Höhenlagen um 3.500 m vor.

Die bereits nördlich der Sahara in Marokko und Algerien vorkommende Vielstreifengrasmaus L. barbarus ist eine der zierlicheren Arten der Gattung, sie bleibt wesentlich kleiner als etwa L. striatus. Während sie in der Natur häufig eine Lebenserwartung von nur 6 Monaten hat, kann sie in Gefangenschaft mehr als 3 Jahre erreichen, mir ist auch ein Tier von ca. 4½ Jahren bekannt. Sie zählt neben einigen Rennmaus- und wenigen Stachelmausarten zu den bei uns am häufigsten gepflegten „exotischen“ Nagetieren. Neben ihrem hübschen Aussehen und der Tagaktivität hat sicher auch die leichte Zähmbarkeit mancher Tiere zu ihrer Beliebtheit beigetragen. Allerdings werden zurzeit anscheinend mehrere ähnliche Arten, Unterarten oder Formen als „Vielstreifengrasmäuse“ verkauft und gehalten. So ist auch zu erklären, dass gerade im Internet häufig völlig widersprüchliche Erfahrungsberichte auftauchen. Während die einen Halter davon sprechen, dass Vielstreifengrasmäuse äußerst gesellige und vermehrungsfreudige, wenn auch relativ scheue Tiere seien, berichten andere von völlig handzahmen, jedoch nicht in gemischten Gruppen haltbaren und schwer zu vermehrenden Tieren, oder von Kombinationen aus beidem.

Zeitweise hielt ich nebeneinander drei offensichtlich verschiedene „Sorten“ von Vielstreifengrasmäusen, die alle auch als L. barbarus gehandelt werden. Darunter waren Tiere aus Nordafrika, solche von südlich der Sahara aus Westafrika, sowie eine dritte „Art“, die möglicherweise eine vor Jahren entstandene Kreuzung verschiedener ähnlicher Arten oder Unterarten darstellt, deren Ausgangstiere heute kaum mehr zu ermitteln sein dürften.

Die nordafrikanischen Tiere waren zunächst recht scheu und sprangen schon mal hektisch in ihrem Terrarium umher, wenn sie erschreckt wurden. Dafür brachten sie regelmäßig etwa einmal im Monat 6-8 Jungtiere hervor und waren auch in größeren gemischten Gruppen (ca. 15 adulte Tiere) mit längst geschlechtsreifen Tieren beiderlei Geschlechts völlig friedlich. In größeren Gruppen und speziell bei den Nachzuchten ließ die Schreckhaftigkeit dann aber erheblich nach. Die Mäuse aus Ghana, die den Nordafrikanern bis auf eine etwas rötlichere Grundfärbung fast völlig glichen, blieben auch als Nachzuchten extrem scheu und geradezu panisch, und ich konnte in über einem halben Jahr lediglich zwei Würfe mit je 3 Jungen erzielen. Auch sie waren völlig friedlich. Die dritte Variante unterscheidet sich von den beiden anderen etwas in der Färbung, einer borstigeren Fellstruktur und kleineren Ohren, am meisten aber im Verhalten. Sie wird in kurzer Zeit zahm, und manche Exemplare lassen sich sogar gerne auf die Hand nehmen und streicheln. Dafür sind die Vermehrungsrate sowie innerartliche Unverträglichkeit häufig ein Problem. Manche Exemplare pflanzen sich nie fort, andere brauchen über ein Jahr, bis sie sich das erste Mal vermehren und dann werden häufig nur 2-3 Jungtiere geworfen. Außerdem sind die Männchen untereinander teilweise sehr unverträglich und auch zwischen den Weibchen kann es zu heftigen Streitereien kommen, wenn mehrere gleichzeitig Junge haben, da sie sich dann gelegentlich nicht nur die Brutreviere streitig machen, sondern sogar die Jungtiere entwenden und in das eigene Nest tragen.

So ist es also nicht verwunderlich, dass viele sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Verhalten der Vielstreifengrasmäuse gemacht werden. Häufig tauchen Kommentare auf, die darauf abzielen, dass die Mäuse prinzipiell leicht zähmbar seien und bei scheuen Tieren wohl Haltungsfehler oder ein falscher Umgang die Ursachen sein müssen. Nach Erfahrungen aus der gleichzeitigen Pflege von drei äußerlich sehr ähnlichen Formen bzw. Arten/Unterarten unter gleichen Haltungsbedingungen würde ich jedoch eher davon ausgehen, dass diese Unterschiede zumindest zum Teil genetisch bedingt sind.

Darüber hinaus werden als L. barbarus noch andere Lemniscomys gehandelt, die sich wieder nur minimal in Merkmalen wie Schnauzenform, Ohrengröße, Fellstruktur und Zeichnung von den „echten“ Vielstreifengrasmäusen unterscheiden. Meist ist dies auch nur im direkten Vergleich verschiedener Tiere zu erkennen. Ob es weitere Arten, Unterarten, natürliche Varianten oder teilweise auch in Gefangenschaft entstandene Stämme sind, lässt sich kaum beantworten, da fast nie bekannt ist, wo genau die Tiere ursprünglich herkamen und wahrscheinlich auch weil viele Halter aus Unwissenheit und im Glauben, ihren Tieren etwas Gutes zu tun, einfach Tiere verschiedenen Ursprungs „zur Blutauffrischung“ miteinander verpaart haben, weil den meisten die Unterschiede zwischen den Tieren nicht auffallen. Leider achten auch gerade Händler nicht auf eine korrekte Benennung verschiedener Grasmäuse und so habe ich die Tiere außer als „Vielstreifengrasmaus“, „Streifenmaus“, „Streifen-Grasmaus“, „Grasstreifenmaus“ und „Zebramaus“ auch schon als „Grüngras-Streifenmaus Rhabdomys pumilio“ angeboten gesehen… Nie war eine vernünftige Angabe zur ursprünglichen Herkunft und nur selten ein korrekter wissenschaftlichen Namen zu finden, oft wurden sie als die viel selteneren L. striatus angeboten.

Alle Vielstreifengrasmäuse sind sehr attraktive und seit einigen Jahren auch beliebte und verbreitete Terrarientiere und wer an ihrer Pflege interessiert ist, sollte sich auf jeden Fall beim Züchter ausführlich nach dem Verhalten und möglichst auch der Abstammung erkundigen, damit nachher die Enttäuschung nicht groß ist, wenn sie scheuer, aggressiver oder weniger vermehrungsfreudig sind als ursprünglich gedacht. Mit etwas Suche auf entsprechenden Tierbörsen oder über Kleinanzeigen lassen sich sicher für jeden die geeigneten Tiere finden, nur im Zoohandel hat man kaum Chancen, wirklich ausreichend informiert zu werden.

Text von Stefan Schumacher
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